Genderwahn? m/w/d – männlich/weiblich/divers: Gendern in Stellenanzeigen verwirrt Bewerber*innen, Recruiter/innen, Sprachwissenschaftler_innen und GeschäftsführerInnen

Sekretär (m/w), Putzfrau (m/w), Rezeptionist (w), Bankkaufmann/-frau etc. So präsentieren sich bisher die meisten Stellenanzeigen in Südtirols Stellenmärkten. Haben Sie auf Jobportalen oder in Zeitungsannoncen zwischen den ganzen „m“s und „w“s auch bereits „diverse“ Buchhalter, „inter“ Elektriker oder „andere“ Modeverkäufer gesehen? Oder sind Ihnen bei der Jobsuche bereits solche Gustostücke wie „Putzfrau (m/w)“, „Rezeptionist (w)“ oder „Sekretärin als Vertriebsassistent (m/w/inter)“ untergekommen? Wir bringen Licht ins Dunkel und beleuchten die noch sporadisch vertretenen neuen Genderabkürzungen in Jobangeboten.

Gendern in Stellenanzeigen - m/w/d?

Die geschlechtsneutralen Stellenausschreibungen

Die vorwiegende Meinung zum Thema Gendern in unserer Sprache ist bisher negativ behaftet: unsinnig, schlecht lesbar oder verwirrend lautet das allgemeine Urteil. Projektmanager (m/w/d), Hausmeister/in, Koch/Köchin, Sachbearbeiter (m/w/x), Krankenschwester/-pfleger, Controller (m/w/gn), Bankkaufmann/-frau etc. Bei diesem Anblick stellt es dem einen (m) oder (d) der anderen (w) bereits die Nackenhaare auf. Nichtsdestotrotz ist das Thema der geschlechtsneutralen Stellenausschreibung so aktuell wie nie zuvor!

Seit der Gleichstellung des „Dritten Geschlechts“ in Ländern wie Deutschland bzw. auf Grund eines höchstgerichtlichen Urteils in Österreich und im Sinne des Diskriminierungsverbots werden in Zukunft Berufsbezeichnungen in Stelleninseraten wohl „geschlechtsneutral“ ausgeschrieben werden müssen. Eine genaue gesetzliche Regelung gibt es in Südtirol derzeit noch nicht. Beim Durchforsten der Stellenmärkte in Südtirol kann auch bereits die eine oder andere genderneutrale Stellenanzeige entdeckt werden. Das „Dritte Geschlecht“ beschreibt dabei die geschlechtliche Identität jener, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen oder lassen wollen. Die Absicht hinter geschlechtsneutralen Stellenanzeigen ist legitim: Das Gendern schafft (zumindest auf sprachlicher Ebene) Gleichheit zwischen den Geschlechtsidentitäten im beruflichen Auswahlprozess. Neben der Inklusion von Frauen, die nach wie vor in Führungsetagen unterrepräsentiert sind, ist gerade auch die Anerkennung des dritten Geschlechts ein weiterer gesellschaftlicher Meilenstein im Sinne des Diskriminierungsverbots und der Geschlechterneutralität.


Wie ist es zu dieser Gender-Entwicklung gekommen?

Unternehmen die auf der Suche nach Mitarbeiter*innen sind, bevorzugen teilweise bewusst oder unbewusst ein spezifisches Geschlecht. Wenn Sie eine Stellenanzeige sehen, in der z.B. ein Elektriker oder ein IT-Techniker gesucht wird, denkt man beim Lesen an einen männlichen Arbeitnehmer. Warum ist das so? Im Zuge der sprachlichen und menschlichen Entwicklung wurde unser Gehirn so geprägt. Das liegt daran, dass der Beruf Elektriker lange Zeit eine reine Männerdomäne war. Umgekehrt ist es so, dass bei einem Zimmermädchen die meisten an eine Frau denken. Oder fällt Ihnen bei der Berufsbezeichnung Gouvernante sofort ein Mann ein?

Bei vielen Recruiter*innen im Personalmarketing stellt sich nun die Frage, welche Auswirkungen die Anerkennung des dritten Geschlechts beim Gestalten von Stellenanzeigen hat. Andersrum fragen sich vielleicht Bewerber*innen, was die Abkürzungen m/w/d oder m/w/i bedeuten? Vielleicht „d“ für Deutsch oder „i“ für Italienisch? Aufklärung folgt sofort.


Was sich hinter den Abkürzungen (m/w/d) verbirgt

Im Dschungel an Genderabkürzungen herrscht bisher noch ziemliche Uneinigkeit. Das liegt vor allem daran, dass die Gender-Bewegung noch eine sehr junge Wissenschaft ist. Daher finden alle Bewerber*innen und Recruiter*innen hier einen Überblick über die verschiedenen Genderabkürzungen die bisher in den Stellenmärkten aufgetaucht sind:

  • m/w/d: männlich/weiblich/divers
  • m/w/i: männlich/weiblich/inter
  • m/w/a: männlich/weiblich/anders
  • m/w/x: männlich/weiblich/x (das x hat keine konkrete Bedeutung. Das war eine Idee einer Arbeitsgruppe an der Humboldt-Universität und hat auch bereits Einzug in die Stellenanzeigenwelt gefunden)
  • m/w/gn: männlich/weiblich/geschlechtsneutral

In den veröffentlichten Stellenanzeigen ist es interessant, dass die männliche Form immer noch an erster Stelle steht und somit dominiert. Warum nicht d/m/w? Alle Varianten sind denkbar und möglich! In den Abkürzungen lauern allerdings auch Fettnäpfchen: Wer hinter die Jobbezeichnung „m/w/i“ setzt, schließt dadurch Transsexuelle aus. Oder bei einem Fall aus Deutschland wurde ein Jobangebot als „LKW-Fahrer*innen (m/w/inter)“ missverstanden und sorgte für Diskussionen im Social Media Auftritt des ausschreibenden Unternehmens: LKW-Fahrer*innen nur für den Winter?

Im historischen Sprachkontext sind die meisten Stellenbezeichnungen generisch maskulin. Ein Elektriker schließt sowohl die männliche als auch die weibliche Form mit ein. Unbeachtet dessen etablierten sich die Formulierungen von m/w bis m/w/d etc. in den Stellenanzeigen im Laufe der Zeit vor allem durch die Rechtsprechung und die Entwicklungen auf dem Gebiet der Gender-Bewegung. Im englischen Sprachraum gibt es diese Problematik allein auf Grund der Sprache nicht. Die Berufsbezeichnung des Managers ist beispielsweise im Englischen zumindest aus sprachlicher Sicht geschlechtsneutral. Dennoch werden englische Berufsbezeichnungen durch das eindeutschen gegendert. So wird aus den im Englischen geschlechtsneutralen Berufsbezeichnungen Controller und Software-Developer die Controllerin bzw. Software-Developerin.

Warum das m/w oder das Binnen-I (z.B. KellnerIn) in Zukunft weniger Verwendung finden wird, lässt sich folgendermaßen erklären: Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen (Intersexuelle) oder sich nicht zuordnen lassen wollen (z.B. Transsexuelle, die sich zwar biologisch einem Geschlecht zuordnen lassen, aber deren Geschlechtsidentität eine andere ist und sie sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen) lehnen das binäre Geschlechtssystem - männlich/weiblich - ab.


Stellenanzeigen richtig gendern

Für eine der verschiedenen genderneutralen Formen wie „m/w/d -x - gn“ kann sich jede*r Personalverantwortliche*r und jedes Unternehmen im Einklang mit seiner Firmenphilosophie selbst entscheiden. Neben der legitimen geschlechtlichen Gleichstellung und der gesellschaftlichen Tragweite bietet die Verwendung von genderneutralen Formulierungen auch eine positive Projektionsfläche. Deshalb rate ich persönlich jeder Personalmarketingabteilung die genderneutralen Abkürzungen als Imagewerbung zu nutzen, um das Unternehmen als besonders tolerant und offen zu präsentieren.

Meine persönlichen Favoriten sind sowohl das Gendersternchen * (z.B. Sachbearbeiter*in, Sekretär*in) als auch die Variante m/w/d. Der Gender Star oder auch Asterisk genannt ermöglicht es, alle Geschlechter gleichzeitig anzusprechen. Das Kürzel „d“ bei der Variante m/w/d hingegen steht dabei für „divers“ und ist im englischen eine elegant klingende Formel für „diverse“, um alle Geschlechtsidentitäten zu inkludieren. Das letztere Kürzel bevorzuge ich vor allem bei Stellenbezeichnungen, in denen das Gendersternchen hinsichtlich des generischen Maskulinums in der deutschen Sprache nicht viel Sinn ergeben würde: z.B. Gouvernante*in – besser Gouvernante (m/w/d).


Warum das Thema Gendern aus meiner Sicht Sinn macht

Ich persönlich sehe nicht nur den gegenderten geschriebenen Text, welcher bedingt durch die deutsche Sprache teilweise schwierig zu lesen und auch zu schreiben ist, sondern den eigentlichen Gedanken dahinter, alle Geschlechtsidentitäten in Jobausschreibungen zu inkludieren. Meiner Meinung nach ist dies ein weiterer Schritt, um mehr Toleranz in unsere Gesellschaft zu bringen. Damit meine ich besonders alle als „divers“ bezeichneten Personengruppen, welche bis heute auf Grund ihres Andersseins - in welcher Form auch immer - Diskriminierung erfahren oder erfahren haben (Männer, Frauen, Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und alle weiteren Geschlechtsidentitäten).

UNSER FAZIT FÜR DICH

Egal in welcher Form das Gendern von Stellenanzeigen nun Einzug in die Personalmarketingbüros der Arbeitgeber und in unseren Alltag findet, wichtig ist, dass die Grundidee der Gleichberechtigung aller Geschlechter in die Gesellschaft Einzug findet. Durch das Verwenden dieser geschlechtsneutralen Abkürzungen bzw. Formulierungen wird die Gender-Thematik in die Öffentlichkeit getragen und bewirkt in der Gesellschaft über kurz oder lang eine erhöhte Toleranz gegenüber Diversen. Dies vor allem deshalb, weil Text und Sprache gesellschaftliche Normen und Werte verändert. Oder wer hätte sich vor 50 Jahren gedacht, dass später einmal gleichgeschlechtliche Partnerschaften möglich sein werden?

Fabian Platter, MA, Leitung südtirolerjobs.it

Auch wenn Fabian Platter, geboren 1988 in Bozen und aufgewachsen in Brixen, seit seinen Studien im Bereich „Management & Recht“ und „International Business & Law“ in Innsbruck zu Hause ist, so ist er dennoch in seinem beruflichen Werdegang den Südtiroler Wurzeln treu geblieben. Mit der Plattform südtirolerjobs.it betreut und begleitet er seit 2015 den Südtiroler Arbeitsmarkt.

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