Eh, typisch! - Wie Geschlechterrollen unsere Berufswahl beeinflussen

Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, ob dein Geschlecht etwas mit deiner Berufswahl zu tun hatte? Nein? Dann wirf mal einen Blick unter die Oberfläche. Glaubst du wirklich deine Wahl ist nur darauf zurückzuführen, dass deine Eltern beide Ärzte sind oder du immer schon „irgendetwas mit Medien“ machen wolltest? Wie erklärst du dir dann die Geschlechtersegregation am Arbeitsmarkt? Können wir es Tyche, der griechischen Göttin des Zufalls, in die Schuhe schieben, dass ein Großteil der Frauen und Männer in den jeweils für sie „typischen“ Berufen arbeitetet?

Eh, typisch! - Wie Geschlechterrollen unsere Berufswahl beeinflussen

Schau mal genauer hin

Nein, näher. Noch näher. Ja, genau da. Jetzt bist du an der Wurzel: Erwartungen und geschlechtsbedingte Rollenzuweisungen die von außen durch Eltern, Lehrer, Freunde an jeden Menschen herangetragen werden und sein Selbstbild über Jahre hinweg formen. Hättest du dir gedacht, dass diese Faktoren Einfluss auf die Selektion deines Jobs genommen und dich vielleicht in eine bestimmte Richtung gedrängt haben? Nein? Dann lies weiter und begib dich mit uns auf eine Spurensuche wie vorherrschende Geschlechterrollen unterbewusst deine Jobauswahl beeinflussen können und welche weitreichenden Konsequenzen dieser Umstand vor allem für Frauen hat.


Männer in den Chefsessel, Frauen hinter den Herd?

Der Arbeitsmarkt teilt sich in zwei ungleiche Lager auf. Auf der einen Seite gibt es Branchen, die von Frauen dominiert werden, wie der Dienstleistungsbereich und Pflegeberufe, während in technischen und handwerklichen Berufen vorwiegend Männer arbeiten. Bezeichnet wird dieses Phänomen als horizontale Segregation am Arbeitsmarkt. Dass Männer tendenziell leitende und Frauen ausführende Positionen innehaben, sich also an gegensätzlichen Enden der Unternehmenshierarchie befinden, nennt man vertikale Segregation.

Diese Verteilung ist kein Zufall, wie in zahlreichen Studien und Untersuchungen dargelegt wurde, sondern das Ergebnis vom Zusammenspiel mehrere Faktoren. Arbeitnehmerseitig werden die unterschiedlichen Aspirationen und Präferenzen den Beruf betreffend als Hauptgrund genannt, wieso sich der Arbeitsmarkt in „Männer- und Frauenberufe“ spaltet. Jedoch wurde ebenso erhoben, dass diese Vorlieben nicht ausschließlich auf die Interessen und Stärken des Einzelnen zurückzuführen, sondern stark geprägt sind von sozialen Rollenmodellen, die in unserer Gesellschaft seit Jahren vorherrschen, sowie der unterschiedlichen Sozialisation von Mädchen und Jungen.

Unter einem Rollenmodell kannst du dir ein Set aus Erwartungen und impliziten Anforderungen vorstellen welche die Gesellschaft an ihre Mitglieder stellt. Wenn sich diese Anforderungen konkret auf geschlechtskonformes Verhalten beziehen spricht man von Geschlechterrollen. Diese Anforderungen richten sich aber nicht nach der Geschlechtsidentität der jeweiligen Person, also welchem Geschlecht sie sich unabhängig vom biologischen Geschlecht zugehörig fühlt, sondern lediglich danach, wie die Person in der Gesellschaft wahrgenommen wird.
Die geschlechtsspezifische Sozialisation geht in eine ähnliche Richtung. Diese Theorie geht davon aus, dass Mädchen und Jungen zu geschlechtstypischem Handeln erzogen werden, weil man sie ab dem Zeitpunkt ihrer Geburt unterschiedlich behandelt. Dadurch entwickeln Kinder bereits recht früh eine Vorstellung von Geschlechterstereotypen, denn die Erwartungen, die von außen auf Heranwachsende projiziert werden, nehmen Einfluss auf deren Selbsteinschätzung und Präferenzen.

Die Forschung beschreibt, dass eine generelle Differenzierung zwischen „männlich“ und „weiblich“ von Kindern bereits ab Beginn des zweiten Lebensjahres vorgenommen wird und Verhaltensweisen mit einem bestimmten Geschlecht assoziiert werden. Jedoch fehlt ihnen noch das Bewusstsein über die eigene Geschlechtszugehörigkeit. (Hubrig, S.: Genderkompetenz in der Sozialpädagogik.)
Im Alter zwischen sechs und acht Jahren sind Kinder dann bereits dazu in der Lage verschiedene Jobs den unterschiedlichen Geschlechtern zuzuschreiben. („Linda Gottfresons in der „Theory of Circumscription and compromise“)

Auch die Einschätzung bezüglich der eigenen Intelligenz beginnt bereits im Grundschulalter, wie eine im Jahr 2017 durgeführt Studie postuliert. Schon mit sechs Jahren glauben Mädchen weniger als Jungs daran, dass Mitglieder ihres eigenen Geschlechts besonders schlau sind und vermeiden Aktivitäten „für schlaue Kinder“ tendenziell.

Bezugspersonen wie die Eltern und die Peergruppe, aber zum Beispiel auch Lehrer vermitteln also (unbewusst) Werte, aus denen Kinder Denk- und Verhaltensweisen entwickeln, welche häufig mit den vorgelebten Rollenbildern übereinstimmen. Auch Glaubenssätze darüber welches Geschlecht vorwiegend in welcher Branche arbeitet, manifestieren sich und lassen das persönliche Spektrum in Frage kommender Ausbildungsmöglichkeiten schrumpfen. Ein Mädchen, welches denkt nicht intelligent genug zu sein einen technischen Beruf zu ergreifen wird davon in der Regel auch Abstand nehmen. Während ein Junge, der immer nur von PflegerINNEN hört, weniger geneigt ist einen Job in der Pflege zu ergreifen.

Die Berufswahl verschiebt sich somit unbewusst von den eigenen Interessen hin zu den gesellschaftlichen Erwartungen, die an das eigene Geschlecht gestellt werden. 


Warum diese ganze Aufregung?

Relevant ist das Thema deshalb, da sich vor allem für Frauen durch die Auswahl stereotyper Berufe weitreichende Konsequenzen ergeben. Typische Frauenberufe sind häufig schlechter bezahlt als Berufe in Männerdomänen, in Südtirol sogar um 17 Prozent (Quelle: Equal Pay Day, ASTAT/Daten NISF). Diese Lohneinbuße geht auch mit einer niedrigeren Pension einher.
Auch auf die Aufstiegschancen von Frauen wirken sich die in der Gesellschaft verankerten Geschlechterrollen negativ aus. Einerseits weil davon ausgegangen wird, dass bei Familiengründung die Frau in Elternzeit geht und ihr beim Wiedereinstieg nahgelegt wird in Teilzeit zu arbeiten. Wegen der herabgestuften Arbeitszeit und/oder der längeren Elternzeit haben Frauen bei Beförderungen oft das Nachsehen. Andererseits werden Frauen von der Gesellschaft stereotype Eigenschaften zugeschrieben, wie die viel zitierte „Emotionalität“, die sie angeblich für eine Führungsposition disqualifizieren.
Zudem wird das Verhalten von Frauen anders bewertet. Während Männer zum Beispiel für Durchsetzungskraft Wertschätzung erfahren, wird Frauen dasselbe Verhalten als zu aggressiv oder ehrgeizig ausgelegt.

Doch auch für Männer ergeben sich Nachteile. Von ihnen wird hohes berufliches Engagement erwartet und ein Erklimmen der Karriereleiter. Zudem lastet auf ihnen der Druck der „Versorgerrolle“, dafür haben sie jedoch einen geringeren Anteil an der Erziehung.
Ein Nachteil, der sich für beide Geschlechter ergibt, ist die Einschränkung der eigenen Möglichkeiten und die „künstliche“ Verringerung des Auswahlspektrums in der Berufswahl. Somit bleiben häufig Potenziale ungenutzt und für Unternehmen gehen qualifizierte Mitarbeiter*innen verloren.


Was also kann man dagegen machen?

Idealerweise beginnt das Aufbrechen von Geschlechterrollen bereits in der Kindheit. Die Möglichkeiten dafür sind vielfältig: das Kind selbst ausprobieren lassen mit welchem Spielzeug es spielen oder welche Kleider es anziehen will; darauf achten, wofür man lobt oder weshalb man schimpft, aber auch worüber man mit dem Kind spricht und wie man auf dessen Gefühle eingeht.
Auch eine kritische Auseinandersetzung mit den Auswirkungen geschlechterspezifischer Sozialisation kann ab einem gewissen Alter erfolgen. Genauso wie eine fortwährende Erkundung der individuellen Stärken und Interessen des Kindes, um ihm Werkzeuge an die Hand zu geben seine Wahl basierend auf Vorlieben und Fähigkeiten zu treffen.
Genauso ist die Politik gefragt Mädchen und Jungen dahingehenden zu fördern, Berufe zu ergreifen die nicht typischerweise ihrem Geschlecht entsprechen.
Aber selbst, wenn du kein eigenes Kind hast, kannst du aktiv etwas tun. Überprüfe etwa vermehrt deine Sprache. Eine Studie konnte herausfinden, dass sich Mädchen eher vorstellen können einen Beruf zu ergreifen wenn die weibliche Form der Berufsbezeichnung verwendet wird. Umgekehrt gilt dies ebenso für Jungen in Bezug auf typische Frauenberufe. Du kannst auch selbst Aufklärung betreiben und mit Kindern und Jugendlichen über die unterbewusste Wirkung von Rollenbildern sprechen, oder als Beispiel vorangehen und einen Job abseits der gesellschaftlichen Geschlechternormen ergreifen.

UNSER FAZIT FÜR DICH

Die persönliche Entwicklung muss abseits von Stereotypisierung stattfinden können. Die Gesellschaft sollte keinen Menschen in eine Rolle drängen, dessen Rahmenhandlung rein darauf basiert, dass er mit einem bestimmten Geschlecht geboren wurde. Nicht die Erwartungen sollten das Fundament für die Berufswahl junger Menschen sein, sondern deren individuellen Talente und Interessen. Diese Potenziale sollten ausgeschöpft werden und dabei gilt es, bereits Kinder zu unterstützen, anstatt sie durch traditionelle Geschlechterrollen einzuschränken. Zudem würde nicht nur der Einzelne vom Abbau gängiger Geschlechterrollen profitieren, sondern auch eine Vielzahl von Unternehmen. Denn gerade die typischen „Frauen- und Männerberufe“ sind häufig vom Fachkräftemangel betroffen.

Wenn man den Blick vom Arbeitsmarkt weg auf die gesamte Gesellschaft richtet, zeigt sich, dass ein Aufbrechen von sozialen Rollen vor allem auch deshalb wichtig ist, um die Toleranz gegenüber Dingen zu erhöhen die in keine klassische Geschlechterschublade passen. Es sollte gelten, dass alles kann, aber nichts muss. Wenn ein Junge mit Puppen spielen will, sollte das genauso okay sein wie wenn er eben doch Lust auf Legosteine hat. Und wenn ein Mädchen später LKW-Fahrerin werden will, sollte man das ebenso wenig hinterfragen, wie wenn das Ziel Balletttänzerin ist.
Wer über den Tellerrand schaut, sieht mehr. Vielleicht erkennst du, dass du in einem Beruf der deinem Geschlecht als „typisch“ zugeordnet wird, sehr gut aufgebhoben bist. Vielleicht aber eröffnet sich dir auch ein ganzes Spektrum neuer Möglichkeiten, die du niemals in Betracht gezogen hättest. Denn es geht nicht darum, die Geschlechter einander gleichzumachen, sondern lediglich jedem Menschen die Möglichkeit zu geben sich frei zu entfalten unabhängig von gesellschaftlichen Vorstellungen.

Blogbeitrag von Verena Bodner

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